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Leserbericht: Spiel verloren, Respekt gewonnen

Respekt gegenüber anderen Menschen ist für Birgit Hoffmann aus Wuppertal einer der wichtigsten Werte. Das wurde ihr erst jüngst bewusst – beim Tennis.

©Thinkstock
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Leserbericht von Birgit Hoffmann, Wuppertal

Ich gehöre zu denjenigen, die erst mit ungefähr 30 Jahren angefangen haben, Tennis zu spielen, und nun nun nach fast 20 Jahren habe ich immer noch nicht ausgelernt und auch noch nicht den Spaß daran verloren. Dieser Sport fasziniert beim Zuschauen genau so wie beim Aktiv-Spielen und ich habe gelernt: Es gewinnt nicht immer die oder der Bessere. Manchmal ist er der Glücklichere, manchmal der Kampfstärkere, manchmal der mental besser Aufgelegte und manchmal auch der, der es sich wirklich so richtig verdient hat.

So geschehen bei meinem Spiel gegen eine Gegnerin, die laut Meldeliste immerhin 17 Jahre älter ist. Ich habe mir an ihr buchstäblich die Zähne ausgebissen, habe gegen sie gespielt und gegeben mich selbst, weil ich kaum glauben wollte, was da passierte. Sie parierte meine körperliche Stärke mit taktischer Finesse, meine schnellen Bälle mit unglaublicher Zähigkeit und Lauffreude und meine besten Schläge auch noch mit zusätzlichem Glück.

Normalerweise kann ich mich dann mit Aggressivität aus so einer Situation herausretten. Wenn z.B. die Gegnerin einen eindeutigen Ball ausgibt oder sich irgendwie unfair oder unangenehm verhält oder auch einfach nur „doof“ ist. Aber diesmal kam keine Aggressivität auf, dafür wuchs mein Respekt für diese tolle Leistung, für diese couragierte Frau.

Als sie nach einigen ganz engen Bällen dann im Tiebreak den Matchball gegen mich verwandelte, war ich nicht wirklich enttäuscht über meine Leistung, sondern einfach nur voller Respekt vor ihrer – und ich gönnte ihr den Sieg von ganzem Herzen. Und so was ist mir bisher noch nicht passiert.

Anschließend musste ich im Doppel wieder gegen sie und ihre noch zwei Jahre ältere Partnerin antreten und auch dieses Spiel war sehr eng, sehr ausgeglichen, nur dass diesmal wir Jüngeren im entscheidenden Tiebreak den Matchball verwandeln durften. Als der Wettkampf endete, hatten wir als Mannschaft auf dem Papier gewonnen, aber für mich haben diese „netten älteren“ Damen gewonnen. Sie strahlten so eine Souveränität aus, verbunden mit ganz viel Humor und Freundlichkeit, von der ich nur hoffen kann, diese auch einmal zu erlangen.

Diese Begegnung stimmte mich nachdenklich und diese Stimmung begleitete mich weiter über die Nacht hinaus in den nächsten Tag. Ich hatte das Gefühl, dass dieser „neu“ gewonnene Respekt bei mir eine Lücke füllte, von der ich bisher gar nicht wusste, dass es sie gab. Das löste in mir widersprüchliche Gefühle aus, Freude und Traurigkeit. Es zeigte mir auf, was mir in meiner Beziehung zu meinen Schwiegereltern fehlt. Respekt vor deren täglichen Leistungen, eigentlich Respekt grundsätzlich. Der alltägliche Umgang voller Normalität und Selbstverständlichkeiten ließ bisher dafür irgendwie keinen Raum.

Es ist doch schade, dass man Menschen, die sportliche Leistungen erbringen, eher würdigt und respektiert als Menschen, die alltägliche, aber sicher doch ebenso großartige Leistungen schaffen. Und ich habe mir vorgenommen, dieses neu gewonnene Gefühl von Respekt nun auch weiterzugeben an all die anderen, die es ganz sicher auch verdienen.

  • Wenn auch Ihnen ein Thema auf den Nägeln brennt und Sie uns unbedingt etwas erzählen möchten, dann freuen wir uns auf Ihren Leserbericht an plusmagazin@bayard-media.de.

 

Letzte Version vom 31. Juli 2019

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