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Nicht hinschmeißen – darauf kommt es an

Seit 2003 ermittelt Ulrike Kriener als Kommissarin Ellen Lucas in Regensburg für das ZDF und wurde mehrfach für diese Rolle ausgezeichnet. Doch da waren auch die Zeiten, in denen viel gestritten wurde. Wir haben uns näher informiert.

Kommissarin Lucas / 
© Barbara Bauriedl ZDF
Kommissarin Lucas / © Barbara Bauriedl ZDF

 

 

 

Interview: Beate Strobel

Liebe Frau Kriener, Sie stehen nun schon seit 15 Jahren als Kommissarin Lucas vor der Kamera. Langweilt das nicht langsam?

Nein, dafür mag ich die Lucas zu sehr. Sicher, mit ihr hat man wenig zu lachen. Aber ich schätze ihre Geradlinigkeit sehr. Und ihre Angriffslust – die habe ich nicht so. Da könnte ich noch etwas von ihr lernen.

 

Ulrike Kriener als Ellen Lucas

Ulrike Kriener als Ellen Lucas / © Bernd Schuller ZDF

Was würden Sie Frau Lucas abends beim Bier gerne raten?

Dass sie vielleicht mal ans Meer fahren, entspannen und sich locker machen sollte. Das liegt ihr ja nicht so. Aber zugleich mag ich gerade das an dieser Figur: Dass sie so ackert und arbeitet, aber einfach keine Erlösung findet im Privatleben. Da ist ja nur noch der alte Vermieter Max …

 

Wird das denn noch einmal etwas mit den beiden?

Mit dem Max? Bloß nicht! Ich mag gerade dieses raubeinige Nicht-Verhältnis zwischen den beiden, die kabbeln sich ständig und hängen doch aneinander – wie ein altes Ehepaar. Vielleicht sollte ich der Produktion mal vorschlagen, dass Max der Kommissarin völlig überraschend einen Heiratsantrag machen könnte. In seinem Fall natürlich mit Hintergedanken, etwa weil er krank ist und bald Pflege braucht.

 

Freuen Sie sich immer auf Regensburg?

Und wie! Die Stadt ist so schön, dass ich manchmal überlege, ob ich dahinziehen sollte. Dort ist alles so überschaubar und beschaulich.

 

Zu einer so spröden Frau wie Lucas passt all das doch gar nicht.

Und das muss auch so sein. Sie ist nach all den Jahren immer noch ein Fremdkörper in der Stadt. Natürlich gab es immer wieder Überlegungen, ob die Lucas nicht mal in den Urlaub fahren und dort ermitteln könnte. Oder ob man sie nicht zum LKA versetzen sollte, damit sie ein größeres Einsatzgebiet bekommt. In 15 Jahren gibt es einfach immer wieder Phasen, in denen man auf der Stelle zu treten glaubt. Die Umgebung zu verändern, wäre eine naheliegende Lösung. Doch die sehr viel größere Herausforderung ist doch, tiefer zu graben. Eine Weiterentwicklung der Figur ist spannender als ein neuer Ort. Ich glaube, es ist ein weit verbreiteter Denkfehler, dass ein ständiger Neuanfang ein Plus an Qualität bringt.

 

Lieber dranbleiben und Engstellen überwinden?

Ich glaube, dass gerade in der Wiederholung des Ewiggleichen große Chancen liegen. Beim Meditieren sagt man ja auch nicht nach dem fünften Mal: Jetzt passiert nichts Neues mehr, ich höre auf. Das, wohin man will, stellt sich erst durch die Wiederholung ein. Nicht lockerlassen, nicht hinschmeißen: Darauf kommt es an.

 

Wie in einer kriselnden Ehe?

Ja, durchaus. Wir hatten bei „Kommissarin Lucas“ auch Jahre, in denen es Zoff gab. In denen ich gehadert habe, oder mich missverstanden und nicht wertgeschätzt fühlte. Durch diese Phasen mussten alle Beteiligten durch. Und nun habe ich das Gefühl, dass wir eine Ernte einfahren. Ich fühle mich mit der Rolle der Ellen Lucas inzwischen so frei wie mit keiner anderen.

 

Warum haben Sie für diese Reihe gekämpft?

Zum einen bedeutet mir diese Figur unheimlich viel. Ich kann in Ellen Lucas eine Heldin, aber auch Opfer sein. Durch den privaten Strang und durch sperrige Themen wie Einsamkeit oder Alter geht die Reihe weit über einen reinen Krimi hinaus. Es sind mir aber auch die an dieser Produktion beteiligten Menschen sehr ans Herz gewachsen.

 

Gerade in den letzten Monaten wurde viel über zwischenmenschliche Verfehlungen beim Film und Theater diskutiert, Stichwort #MeToo…

Wenn Sie konkret den Fall Dieter Wedel ansprechen: Es war in der Branche allgemein bekannt, dass er – freundlich ausgedrückt – ein mehr als schwieriger Mensch ist. Ich habe nie mit ihm, aber sehr wohl mit anderen autoritären Regisseuren zusammengearbeitet, die es offenbar nötig hatten, zu schreien und mit Dingen um sich zu werfen. In solchen Momenten verliert ein Mensch für mich an Achtung und Würde. Solche Regisseure kann ich nicht ernst nehmen.

 

Wie konnte das System Wedel funktionieren, wenn doch jeder Bescheid wusste?

Man muss das natürlich im Zeitkontext sehen, die 80er und 90er Jahre waren total anders. Und der Regisseur ist nun einmal der Entscheider am Set. Wenn man spielt, gibt man sich auch immer hin, lässt sich führen, lenken und bewerten. Hingabe – dieses Wort gehört für mich zu meinem Arbeitsverständnis. Gespräche über die Rolle und das Drehbuch führe ich abseits vom Set, denn dort, beim Drehen, geht es mir nur noch um Offenheit und Emotionen. Rationale Diskussionen würde mich dann aus meiner intuitiven Vernetzung mit mir reißen. Weil sich die Ebenen dadurch verschieben, sind Schauspieler am Set sehr verletzbar durch Regisseure, die mit diesem Vertrauensmoment nicht umgehen oder die Hingabe missverstehen. Dass ein Regisseur hier die Seele des Schauspielers in seiner Hand hält, ist eine große Verantwortung, der er sich bewusst sein sollte.

 

Sie sind eine der wenigen Schauspielerinnen, die auch jenseits des 60. Geburtstags bestens im Geschäft sind. Was ist Ihr Geheimnis?

Ich weiß das gar nicht. Mein Mann sagt, ich sei eben ein Glückskind. Aber ich bin auch fleißig, suche mir selbst neue Aufgaben. Mein neuestes Projekt beispielsweise ist eine Bibellesung: das Buch Kohelet als Hörbuch.

 

Sind Sie denn religiös?

Ich bin katholisch getauft worden, später aber aus der Kirche ausgetreten. Und dann doch wieder eingetreten. Richtig angekommen bin ich dort immer noch nicht. Aber dieses ‚Dazwischen‘ habe ich nun als meine Position akzeptiert.

 

Sendehinweis: Ein verurteilter Mörder entkommt aus dem Gefängnis und lauert Kommissarin Ellen Lucas auf – nicht um sich an ihr zu rächen, sondern um sie zu einer Wiederaufnahme der Ermittlungen zu zwingen. Hat Lucas tatsächlich einen Fehler gemacht?  „Kommissarin Lucas – Das Urteil“ läuft am 1. September um 20.15 Uhr im ZDF

 

 

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