Harald Lesch nimmt sich in Leschs Kosmos oder Terra X Lesch & Co. Zeit, um komplexe Sachverhalte anschaulich zu erklären. Wie etwa den Klimawandel.

Der Astrophysiker Harald Lesch lenkt mit seinen TV-Sendungen unseren Blick in ferne Galaxien – und wieder zurück auf die Erde, die er für den allerschönsten Planeten des Weltalls hält. Grund genug, viel besser auf ihn achtzugeben. Unsere Autorin Gaby Herzog hat im Juli 2021 mit Harald Lesch gesprochen.

Fast auf die Minute pünktlich biegt ein kleiner roter Toyota in die Auffahrt der Universitäts-Sternwarte in München-Bogenhausen. Harald Lesch parkt direkt vor der Treppe zum Institut. Auf der Heckklappe klebt neben dem Wappen von Weimar der Schriftzug: „Refugees Welcome – Flüchtlinge willkommen“.
Die Fahrertür fliegt auf, der 61-Jährige steigt aus dem Auto und blinzelt in die Sonne: „Herrliches Wetter! Ich mache Kaffee und dann setzen wir uns in den Park“, schlägt er vor und verschwindet im Haus.

Auch im Interview folgt der Astrophysiker, den die meisten als Moderator von „Leschs Kosmos“ oder „Terra X“ kennen, seinem ganz eigenen Tempo: Er nimmt sich Zeit, holt weit aus, um die Sachverhalte einfach und anschaulich zu erklären und hüpft gleichzeitig in Windeseile von Thema zu Thema – vom Klimawandel zu Manager-Gehältern, von der Ambiguitäts-Intoleranz (die Fähigkeit, mehrdeutige Situationen zu ertragen) zur Kindheit in Oberhessen. „Ich wandere gern in Gesprächen“, erklärt er und stopft Tabak in die Pfeife. „Weil man so immer wieder bei neuen Themen landet. Herrlich unberechenbar ist das!“

Herr Lesch, als Professor für Astrophysik richten Sie Ihren Blick eher ins Weltall. Wie kommt es, dass Sie uns im Fernsehen immer häufiger die Welt hier unten auf der Erde erklären?

Lesch: Weil mich die Frage, ob wir Menschen allein im Universum sind, langsam, aber sicher zu den Themen Umwelt und Klimawandel geführt hat. Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit ein Planet bewohnbar ist? Welche Regeln gelten dafür? Mich fasziniert, dass es im Universum, einem Meer der Unordnung, solche Inseln der Ordnung gibt.

Und das bedeutet konkret?

Lesch: Wenn ich mich mit dem Messer schneide, dann wachsen meine Zellen nicht irgendwie zusammen, sondern es bildet sich eine Kruste. Diese Regel gilt immer. Exakt so ist unser Planet bis ins Kleinste aufgebaut. Wenn ich die Ordnung an einer Stelle durch­einanderbringe, hat das Aus­wirkungen. Deshalb habe ich angefangen, unseren Planeten als Ganzes zu betrachten.

Dabei gehen die allermeisten Wissenschaftler im Laufe ihrer Forschungen doch immer weiter ins Detail.

Lesch: Der berühmte Elfenbeinturm der Forschung, den nur Eingeweihte betreten dürfen? Ich bin der Meinung, dass die Universitäten ihre Fenster aufmachen müssen, und sehe mich als Lehrer im weitesten Sinne. Ich will alle Menschen zum Nachdenken animieren. Unser Hirn ist ein 1,5 Kilo schwerer Erkenntnisapparat, der trainiert werden muss.

Sie betonten immer wieder, dass es unserer Erde nicht gut geht. Überwiegen Ihre Ängste oder Ihre Hoffnungen?

Lesch: Die Hoffnungen! Corona zum Beispiel. Egal, wie viel falsch gelaufen ist: Die Mehrheit der Menschen war bereit, einen harten Lockdown und tiefgehende Einschränkungen zu akzeptieren, um Schwächere zu schützen. Das war eine großartige Leistung. Die Pandemie hat uns wie eine Lawine überrollt und wir mussten schnell sein. Der Klimawandel dagegen ist ein Meteoriten-Einschlag in Zeitlupe.

Obwohl die Folgen verheerend sind, reagieren wir zu langsam?

Lesch Leider ja. Trotzdem war Corona im Hinblick auf das, was uns bevorsteht, eine gute Übung. Wir haben gesehen, dass der Staat große Summen lockermachen kann, wenn er es wichtig findet. Dass es höchste Zeit wird, aktiv zu werden, dürfte inzwischen den meisten klar sein. Wir haben unseren Planeten aktuell um etwa ein Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit erhitzt und erleben schon jetzt dramatische Folgen: Das Wetter spielt verrückt, die Polkappen schmelzen.

Laut Weltklima-Rat erreichen wir – wenn wir so weitermachen – zwischen 2030 und 2050 die 1,5-Grad-Marke. Kein Grund zur Panik?

Lesch: Vor Verzweiflung den Kopf in den Sand zu stecken hilft niemandem. Wir müssen ruhig werden, Fakten von Unsinnigem trennen und mutige Entscheidungen treffen. Das gilt für die großen politischen Fragen, aber auch für die Dinge, die jeder von uns sofort ändern kann. Es lohnt sich zu kämpfen! Ich habe so viel ins Weltall gestarrt und bin mehr denn je davon überzeugt: Egal, wie viele Planeten es gibt, so schön wie unserer ist keiner.

In unserem Sonnensystem ist nirgendwo sonst Leben möglich?

Lesch: Nein. Auf Alpha Centauri vielleicht, wenn wir Glück haben. Aber eine Reise in das benachbarte Sonnen­system mit den Raketen von heute würde 75 000 Jahre dauern. Das zieht sich. Da ist es doch viel effektiver, in den Erhalt der Erde zu investieren.

Apropos investieren: Wie wichtig ist Ihnen Geld?

Lesch: Ich habe das große Glück, dass ich als Professor, Gehaltsklasse C, besoldet bin. Damit kann man gut auskommen. Ich muss mich niemandem anbiedern, Dinge tun oder sagen, die ich nicht für richtig halte. Ich muss auch nichts verkürzen, nur weil jemand ein schnelles, eindeutiges Ergebnis haben will. Ich mag es, wenn uns die Welt Rätsel aufgibt. Außerdem haben Studien längst gezeigt, dass Glück durch Geld eine Obergrenze hat: Sie liegt bei ungefähr 5.000 Euro im Monat.

Bei einem Manager-Monatsgehalt von 50.000 Euro steigt das Glück nicht?

Lesch: So ist es. Ich bin ohnehin der Meinung, dass Dax-Manager nur einen symbolischen Euro im Monat bekommen sollten.

Weil die Position Bezahlung genug ist?

Lesch: Genau. Und weil sie, während sie die Karriere­leiter nach oben geklettert sind, genug verdient haben. Wer unterwegs alles aus­gegeben hat, kann nicht wirtschaften und sollte sowieso kein Dax-Unternehmen leiten. Ich bin ein Kind vom Dorf. Wo ich auf­gewachsen bin, waren alle Menschen ungefähr gleich. Kleine Leute in einer Fahrstuhl-Gesellschaft, in der wir gemeinsam langsam und gleichmäßig nach oben fuhren. Heute leben wir in einer Rolltreppen-Gesellschaft.

Einer rauf, einer runter?

Lesch: Und damit kommt die Angst vor dem Abstieg, die zu diesem vertrackten „Immer-mehr-Denken“ führt. Mit unserer Unersättlichkeit überhitzen wir den Planeten, aber auch uns selbst. Wir schreiben ellenlange To-do-Listen, dabei wäre eine Let-it-be-Liste viel vernünftiger.

Und was steht auf Ihrer „Das-lasse-ich-bleiben-Liste“?

Lesch: Ich steige nicht mehr ins Flugzeug, um ans andere Ende der Welt zu fliegen.

Wegen der schlechten Klimabilanz?

Lesch: Das ist ein Grund. Außerdem habe ich für mich persönlich festgestellt, dass mir der europäische Kulturraum völlig genügt. Meinen Urlaub verbringe ich am liebsten in Weimar. Da miete ich mich dann für ein paar Wochen in einem Hotel am Park an der Ilm ein, wo schon Goethe gesessen hat. Für mich der Nabel der Welt. Oder ich fahre nach Hessen – nach Nieder-Ohmen in Mücke.

In Ihren Heimatort.

Lesch: Mein Vater war der Wirt im Dorf, in seiner Kneipe bin ich quasi aufgewachsen. Bis heute treffe ich mich dort regelmäßig mit drei alten Schulfreunden, spiele Skat, rede dummes Zeug und rauche, bis die Schwarte kracht. Einfach herrlich!

Mit Verlaub, Herr Professor, ist das nicht ein bisschen provinziell?

Lesch: Wen kümmert das? Ich liebe das Dorfleben. Als ich ein kleiner Junge war, kannte jeder jeden. Und jeder hat jedem geholfen. Von dieser Vertrauenssauce zehre ich bis heute. Ich mag es, wie im Dorf die Zeit vergeht.

Anders als in der Stadt?

Lesch: Zeit hat etwas Magisches. Wenn das Leben besonders schön ist, vergisst man sie. Und dann gibt es Momente, die sind so hart, dass jede Sekunde zählt. Zeit ist ganz einfach die Dimension, die uns am meisten verzückt, verstört und fertigmacht.

Weil man sie nicht greifen kann?

Lesch: Man kann immer wieder zum selben Ort gehen – aber niemals zum gleichen Zeitpunkt. Alle Philosophie, alles Reden von dem, was wir tun sollten, ist davon geprägt, dass wir die Zeit nicht zurückdrehen können. Wenn ich etwas sage, ist das Wort draußen, genau wie die Zahnpasta, die ich nicht mehr in die Tube bekomme. Das macht uns Naturwissenschaftler wahnsinnig. Wir haben Gesetze, die die Zusammenhänge der Natur beschreiben. Technik ist ein Ausdruck dafür, dass wir etwas verstanden haben. Aber verdammt noch mal… bei der Zeit funktioniert es nicht. In unseren Gleichungen ist sie eine Laufvariable.

Das heißt, dass Sie die Zeit in Ihren Experimenten immer wieder auf null stellen?

Lesch: So einfach funktioniert es eben nicht, denn wir werden ja trotzdem älter! Was da passiert, können wir nicht beschreiben. Es ist zum Haareraufen!
Während er spricht, blickt Harald Lesch auf mein Handy, mit dem ich unser Gespräch aufzeichne, und legt lächelnd sein eigenes Modell daneben. Uralt, mit Tasten, ohne Kamera und Zugang zum Internet.

Lesch: Allein die Tatsache, dass ich kein Smartphone besitze, gibt mir pro Tag zwei bis drei Stunden mehr Zeit, im Vergleich zu beinahe allen anderen Menschen, die ich kenne. Ich bin am digitalen Zeitstrom nicht beteiligt. Deswegen kann ich Bücher schreiben, wie das mit der Zeit funktioniert.

Harald Lesch ist überzeugt: Auch kleine Schritte helfen, wenn viele mitmachen

Kein Essen weg­werfen. Lebensmittel, die gar nicht erst ­produziert werden, verbrauchen weder Wasser noch Strom noch Dünger, müssen nicht verpackt, transportiert und gekühlt werden.
Weniger Fleisch essen. Weil Gemüseanbau das Ökosystem weniger belastet als die Fleischproduktion.
Regional, saisonal und möglichst bio. ­Erdbeeren im Winter, Spargel im Herbst? Muss nicht sein.
Strom sparen. Beim Kochen den Deckel auf den Topf, den Backofen nicht ewig vor­heizen (oft ist das sowieso über­flüssig). Weil Geräte im Stand-by-­Modus immer noch Strom ver­brauchen: ganz abschalten.
► Auf Öko-Strom umstellen. Häufig ist das nicht mal teurer.
Verpackungen ­weglassen. Obst in Plastik, Blumen in Zellophan, Pausenbrote in Alufolie – das geht auch ohne!
Weichspüler ver­meiden. Auch wenn Hersteller ihre Pro­dukte auf biologisch abbaubar trimmen: Einige Duft- und Farbstoffe lassen sich nicht aus den Ab­wässern herausfiltern.
Weniger ist mehr. Gilt eigentlich für alles. Vor dem Neukauf lieber erst mal die T-Shirts im Schrank zählen.
Auf Pestizide ver­zichten, im Garten und auf dem Balkon.
Bienenfreundlich pflanzen. Geranien und Fuchsien sind ohne anderen Pflanzen in der Nähe für Insekten wertlos. Viel besser sind Sonnen­blumen, ­Thymian, Lavendel und Rosmarin

Harald Lesch zum Anschauen & Anhören

In der ZDF-Mediathek stehen viele Folgen von Leschs Kosmos oder Terra X kostenlos zum Anschauen online. Er moderiert seit April 2022 auch den Podcast „Terra X – Maschinenraum Deutschland“ und ist mit dem Kanal Terra X Lesch & Co.. auf Youtube zu finden.