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Ratgeber Unser Leben

„Wir müssen handeln, bevor das Stadtleben unerträglich wird“

Für mehr Grün in der Großstadt kämpft der österreichische Biologe Clemens G. Arvay. Denn Waldklima hat extrem positive Auswirkungen auf Körper und Seele der Menschen.  

Clemens G. Arvay / ©Lukas Beck
Clemens G. Arvay / ©Lukas Beck

Mehr Grün in der Großstadt – dafür kämpft der österreichische Biologe Clemens G. Arvay. Denn Waldklima hat extrem positive Auswirkungen auf Körper und Seele der Menschen – besonders für Stadtbewohner.  

 Interview: Beate Strobel

Mit Clemens G. Arvay trifft man sich nicht einfach in einem Café oder Konferenzraum. Der Wald ist sein Revier, der Ort, an dem sich der 38-jährige Biologe und Bestseller-Autor (aktuell: „Biophilia in der Stadt“, Goldmann, 22 Euro) zu Hause fühlt. Im wilden Nordteil des Englischen Gartens in München setzt er sich unter eine alte Buche. Beim Reden fährt er immer wieder mit der Hand über den Waldboden: ein geerdetes Gespräch über die Städte der Zukunft und die Bedeutung des Waldes darin.

Herr Arvay, was macht eine Ansammlung Bäume zu einem Wald?

In einem Wald lässt die Pflanzengesellschaft ein eigenes Waldklima entstehen. Dadurch, dass sich das Kronendach der Bäume schließt, bleiben die Substanzen des Waldes im Waldesinneren. Die Luft ist kühler und feuchter als außerhalb. Atmen Sie mal tief ein! Die Luft hier ist anders als in anderen Teilen Münchens. Das ist das ganz besondere Waldklima.

Was macht dieses Klima so außergewöhnlich?

Ich spreche vom heilsamen Trio des Waldes. Dort sind zum einen 3.000 bis 10.000 Anionen – negativ geladene Sauerstoff-Ionen – pro Kubikzentimeter Luft vorhanden, in der Stadtluft dagegen maximal 200 Anionen. Diese Anionen entstehen durch Regengüsse: An den Blättern des Baumes entsteht Reibung, die dazu führt, dass sich Sauerstoff-Ionen negativ aufladen. Das Kronendach der Bäume hält diese Anionen zurück im Wald.

Was bewirken diese im Menschen?

Sie geben beim Einatmen ihre negative Ladung an die Flimmerhärchen in unserer Nase ab und beschleunigen dadurch deren Bewegung. Sie unterstützen uns also bei der Luftreinigung. Das ist gerade für Stadtbewohner wichtig. Eine Studie der Paracelsus-Universität Salzburg hat ergeben, dass Stadtkinder mit Asthma nach Urlauben in Waldgebieten eine signifikante Linderung ihrer Atembeschwerden verspüren.

Was gehört außerdem zum Wald-Trio?

Im Waldboden sind Mikroben enthalten, die nachweislich unser Immunsystem trainieren. Außerdem haben sie eine stimmungsaufhellende Wirkung. Das Wichtigste aber sind die Terpene der Bäume: Das sind so etwas wie bedeutungstragende Moleküle im Reich der Pflanzen, also chemische Wörter, mit denen die Bäume Botschaften an ihre Artgenossen aussenden. Damit warnen sie sich beispielsweise gegenseitig vor Schädlingen. Wir wissen aus medizinischen Studien, dass Stadtbewohner, die in den Wald gehen, mit einer höheren Anzahl natürlicher Killerzellen im Blut zurückkommen, die unter anderem vor Krebs schützen, indem sie potenziell entartete Zellen eliminieren. Waldmedizin ist aber nie ein Ersatz von medizinischer Krebstherapie, sondern immer nur eine vorbeugende oder komplementäre Maßnahme.

Wie lässt sich mehr Wald in den Großstadt-Dschungel holen?

Das versuche ich in meinem Buch „Biophilia in der Stadt“ aufzuzeigen. Mehr Stadtbäume beispielsweise könnten die Luft effektiver reinigen, indem sie Schadstoffe aus der Luft herausfiltern und sekundäre Pflanzenstoffe – also Terpene – an die Luft abgeben. Auch der Anblick von Bäumen hat einen psychologisch positiven Wert: Er baut nachweislich Stress ab.

Stadtplaner investieren aber lieber in Wohn- als in Grünanlagen.

Magistratsabteilung 48 Arvay

Magistratsabteilung 48 / ©Clemens G. Arvay

Trotzdem ist viel Begrünungspotenzial vorhanden. Es müsste nur zum Prinzip werden, bei jedem Neubau der Natur oben zurückzugeben, was wir unten an Grün wegnehmen – etwa durch die Begrünung von Dächern, Terrassen, Balkonen oder auch von vertikalen Flächen. In Mailand etwa gibt es den „Bosco Verticale“, einen Hochhauskomplex mit Bäumen und Pflanzen an der Fassade. In Wien ist ein Verwaltungsgebäude – die Magistratsabteilung 48 – bis auf die Fenster komplett hinter einer Pflanzendecke verschwunden. So könnte sogar mehr Grün in die Stadt gebracht werden, als durch Verbauung vernichtet wird.

Wie sieht die „biophile Stadt“ der Zukunft aus?

Im Idealfall durchzieht ein Netzwerk aus grünen Korridoren diese Stadt– ich nenne sie Biophilia-Korridore, auf denen sich Menschen artgerecht durch die Stadt bewegen können. Auch unterirdisch kanalisierte Stadtbäche müssten wieder ans Tageslicht geholt werden, damit sie die Stadtluft mit Anionen anreichern könnten. Insgesamt besteht dort eine Synthese aus Architektur und Natur, auch aus Kultur und Natur. Das ist meines Erachtens der einzige Weg, das Stadtleben in die Zukunft zu retten, da sonst Schadstoffe und Feinstaub das Stadtleben unmöglich machen werden. In China – ausgerechnet dort wo man oft nur noch mit Atemschutzmaske auf die Straße gehen kann – entstehen nun die ersten echten Waldstädte, etwa in Liuzhou im Süden Chinas. Dort ist das Bewusstsein für den Wald aber erst angekommen, als die Lage für die Menschen unerträglich geworden ist. Ich wünsche mir, dass wir handeln, bevor es auch bei uns soweit ist.

Und was macht der Stadtbewohner bis dahin?

Er sollte so oft wie möglich in die Natur fahren. Nahezu jede größere Stadt in Deutschland hat ja einen Stadtwald – Berlin etwa den Grunewald, Hannover die Eilenriede, Stuttgart den Greutterwald. Mein Lieblingsstadtwald ist die Dresdner Heide, die sogar die geografische Stadtmitte Dresdens erreicht. Vielen Städtern ist gar nicht bewusst, welche Naturoasen sich in ihrer Stadt befinden. Sie fahren am Wochenende raus aufs Land, ohne das Potenzial in der Stadt zu nutzen.

Mehr zum aktuellen Buch von Clemens G. Arvay:

Clemens Arvay Biophilia in der Stadt

   Autor: Clemens G. Arvay, geboren 1980 in Graz, ist Biologe und Buchautor.

   Buch: „Biophilia in der Stadt“ von Clemens G. Arvay, Goldmann Verlag, 22 Euro

 

 

 

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