Viele Menschen, die wegen ihres Alters oder einer Vorerkrankung zur Corona-Risiko-Gruppe gehören, fürchten in der aktuell zugespitzten Situation einen Engpass bei der Versorgung mit Beatmungsgeräten. Oder, dass ein jüngerer Mensch im Zweifelsfall bei der Behandlung den Vorzug erhält. Auf einer Pressekonferenz der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfall-Medizin (DIVI) am 21. Dezember 2020 haben einige führende Mediziner dazu Stellung genommen. (Stand 22.12.20)

„Im Moment ist Triage kein Thema“

Das Wort Triage bedeutet, Patienten nach der Schwere ihres Zustandes einzuteilen und so zu entscheiden, wer zuerst behandelt wird. Im Falle eines schweren Covid-19-Verlaufs würde das bedeuten: Wer bekommt im Zweifelsfall ein Beatmungsgerät und wer nicht?

Prof. Dr. Steffen Weber-Carstens von der Berliner Charité und einer der wissenschaftlichen Leiter des DIVI-Intensivregisters stellte fest: „Im Moment ist Triage kein Thema, aber es gibt schwer belastete Regionen wie etwa Berlin oder Sachsen, die auch schon Intensivpatienten verlegen mussten. Und wir rechnen in Berlin und Brandenburg mit dem Höhepunkt der Belegung erst in zwei oder drei Wochen.“ Was die Situation in den Notaufnahmen und Intensivstationen erschwert: Covid-19-Patienten, die eine Beatmung benötigen, kann man nicht mit Patienten vergleichen, die etwa ein Spender-Organ benötigen. „Alle Beatmungspatienten haben die gleiche Dringlichkeit“, weiß der aktuelle DIVI-Präsident Prof. Uwe Janssens.

Zur aktuellen Diskussion darüber, ob Menschen mit Behinderung weniger Chancen auf einen Beatmungsplatz hätten, stellt Prof. Janssens eindringlich fest: „Das zentrale Kriterium in einer Auswahl- oder Triage-Situation wäre, ob der Patient den Aufenthalt auf der Intensivstation überlebt.“ Eine Behinderung, das Alter oder eine chronische Vorerkrankung spielt dabei keine vorrangige Rolle. Prof. Weber-Carstens ergänzt dazu: „Das Alter oder schwere Vorerkrankungen können unsere intensivmedizinischen Bemühungen begrenzen. Aber das ist immer so und hat nichts mit einer Covid-19-Erkrankung zu tun.“

Ein Kleeblatt bringt Entlastung

Um schwer belastete Kliniken und Regionen zu unterstützen und zu verhindern, dass es dort zu einer vollständigen Überlastung kommt, gibt es das Kleeblatt-Konzept. Mehrere Bundesländer haben sich zu einer Planungseinheit zusammengeschlossen und können untereinander Patienten austauschen. Damit auch eine wirkliche Entlastung zustande kommt, sollen möglichst früh möglichst größere Gruppen von Patienten verlegt werden und das nach der Maßgabe „Egal wohin“. Nur so können auch tatsächlich die Ressourcen gering betroffener Kliniken genutzt werden.

Prof. Dr. Christian Karagiannidis von der Lungenklinik Köln-Merheim dazu: „Ich glaube fest daran, dass jeder Patient in Deutschland ein Klinikbett bekommen wird. Damit sind wir schon in einer besseren Situation als viele andere Länder. Aber es muss auch klar sein, dass das Bett vermutlich nicht im Wunschkrankenhaus in der Nähe stehen wird.“

Zum Schluss richtete der zukünftige DIVI-Präsident Prof Gernot Marx einen Appell an die Öffentlichkeit: „Um unseren medizinischen Teams die nötige Wertschätzung entgegenzubringen, möchte ich alle Menschen bitten, auf Kontakte zu verzichten und in der engsten Familie in Ruhe das Weihnachtsfest und Silvester zu begehen. Damit wir 2021 möglichst wenig neue Covid-Patienten haben.“

Corona und künstliche Beatmung

Bereits im März sprach der Mediziner Prof. Berthold Jany von der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) über das Thema „Covid-19 und künstliche Beatmung“.

Prof. Jany, benötigt ein CODIV-19-Patient automatisch eine künstliche Beatmung?

JANY: Nein. Generell muss man sagen, dass die genaue Zahl der Infizierten in Deutschland ungewiss ist. Denn viele tragen den Virus in sich, zeigen aber keine Symptome. Daher sind nur die Zahlen von stationären Patienten bekannt. Aktuell liegen rund 1 220 Bundesbürger auf Intensivstationen, die allerdings nicht künstlich beatmet werden müssen. Von denen, die eine Beatmung benötigen – hier gibt es leider keine zuverlässigen Zahlen – zählen wiederum nur etwa 64 Patienten als schwerstkranke Beatmungs-Patienten, die eine sogenannte Ecmo benötigen: eine extrakorporale Membran-Oxygenierung. Es sind jedoch aktuell über 300 dieser Geräte frei. Nur ein Beispiel, das deutlich macht: Eine medizinische Ausstattung ist zu Genüge vorhanden, wir müssen nur Acht geben, dass es auch ausreichend geschultes Personal gibt, das die entsprechenden Geräte bedienen kann.

Steigt das Risiko mit dem Alter, künstlich beamtet werden zu müssen?

JANY: Ja, das tut es. Ältere Menschen treffen Infektionen leider immer härter, weil das Immunsystem von Grund auf schwächer ist und sie meist schon mehrere Erkrankungen haben. Das bedeutet: Je älter man ist, desto höher ist auch das Risiko, künstlich beatmet werden zu müssen, weil eine Krankheit schwerwiegender verläuft, und sich zum Beispiel leichter eine Lungenentzündung bildet.

Wie wird entschieden, wer für eine Beatmung Vorrang hat?

JANY: Es ist nach den deutschen Richtlinien unzulässig, aufgrund des Alters oder sozialer Kriterien eine Entscheidung zu treffen. Und: Corona-Erkrankte dürfen auch nicht vor Krebs- oder Schlaganfall-Patienten bevorzugt werden. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hat vorsorglich zusammen mit sieben anderen medizinischen Fachgesellschaften einen Kriterien-Katalog entworfen, der dem medizinischen Personal helfen soll, im Notfall entscheiden zu können, wer bei der Versorgung Vorrang hat. Dabei sind Fragen wie diese hier entscheidend: Wie ist der allgemeine Gesundheitsstatus? Welche Vorerkrankungen hat der Patient? Wie hoch ist der Sauerstoffgehalt im Blut? Doch, wie schon gesagt: Einen Mangel an Beatmungsgeräten gibt es derzeit nicht.

In Deutschland wird nicht nach Alter entschieden

Prof. Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), erklärt den Kriterien-Katalog, der festlegt, welche Patienten intensivmedizinisch behandelt und welche palliativmedizinisch versorgt werden, wenn die Intensivbetten und Ressourcen knapp werden sollten.

Janssens: „So ist es nicht zulässig, nach dem kalendarischen Alter oder nach sozialen Kriterien zu entscheiden!“ In Deutschland werde nicht dem 80-Jährigen von vornherein die Behandlungsmöglichkeit verweigert. „Wir haben uns ganz klar gegen das Kriterium „Alter“ entschieden und wollen sehr viel differenzierter vorgehen.