Experten-Interview „Abnehmen bei Adipositas“

plus-Experte Doktor Wolfgang Tigges, Chefarzt des Adipositas-Zentrums Hamburg, erklärt im Interview, wie man auf gesunde Weise Gewicht verlieren kann:

Herr Doktor Tigges, was sagen Sie als Experte für extremes Übergewicht zu den Erfolgsgeschichten unserer drei Leserinnen? 30, 34, sogar 80 Kilo – ist so ein Gewichtsverlust noch gesund?

TIGGES: Das hängt davon ab, wie viel die Frauen zuvor gewogen haben. In jedem Fall ist es aber gesund und wichtig, starkes Übergewicht abzubauen. Erst recht, wenn man deswegen schon Beschwerden hat wie Diabetes Typ 2, hohen Blutdruck, erhöhte Blutfettwerte usw. Eine einfache Faustregel heißt: „Je stärker mein Übergewicht, umso mehr und schneller kann ich abnehmen.“

Ab wann sprechen Sie von Übergewicht?

TIGGES: Wir orientieren uns am Body-Mass-Index, kurz BMI (siehe unten folgend). Liegt er zwischen 25 und 30, hat man leichtes  Übergewicht. Ab BMI 30 ist es krankhafte Fettsucht, gegen die man auf jeden Fall etwas unternehmen sollte. Vor allem, wenn der BMI über 35 oder sogar über 40 liegt.

Mit welcher Diät können Menschen mit viel Übergewicht am besten abnehmen?

TIGGES: Für sie gilt das gleiche wie bei jedem, der erfolgreich Gewichtverlieren möchte. Der Fettanteil im Körper muss reduziert werden, Muskeln erhalten bleiben. Das erreicht nur, wer sich viel bewegt und genügend Eiweiß isst, etwa Hülsenfrüchte, Fisch, magere Milchprodukte. Unsere Erfahrung ist: Stark Übergewichtige nehmen am besten in professionell betreuten Programmen ab.

Wieso ist das so?

TIGGES: Starkes Übergewicht entwickelt sich über Jahre oder Jahrzehnte. Will man es wieder loswerden, muss man am eingefahrenen Verhalten Grundlegendes ändern. Alleine schaffen das nur die wenigsten. Ärzte, Psychologen und Ernährungswissenschaftler wissen dagegen, wo man ansetzen muss. Und auch der Austausch mit Menschen, denen es ganz ähnlich geht, bewirkt viel.

Welche Programme empfehlen Sie?

TIGGES: Wissenschaftlich erprobte Methoden sind Optifast 52, Mobilis oder Doc Weight. Der Ablauf ist bei allen ähnlich. Man trifft sich einmal wöchentlich in kleinen Gruppen, lernt Schritt für Schritt gesünder zu essen und sich mehr zu bewegen. Am besten schaut man, was am Wohnort angeboten wird und testet bei einem Besuch, ob man sich in der Gruppe wohlfühlt.

Wie groß ist die Chance, nach dem Programm schlank zu bleiben?

TIGGES: Eine Garantie gibt es nicht. Tatsächlich zeigen Studien, dass manche Teilnehmer nach Jahren immer noch deutlich zu viel Übergewicht haben oder wieder zugenommen haben.

Woran liegt das?

TIGGES: Menschen, die einmal sehr dick waren, haben auch nach Jahren noch ein anderes Sättigungsgefühl. Das liegt an hormonellen Prozessen, die das Übergewicht nachhaltig verändert hat. Deshalb ist ein operativer Eingriff bei extremem Übergewicht mit BMI über 40 eine Alternative, weil er auch diese hormonellen Prozesse normalisiert.

Was wird bei der OP gemacht?

TIGGES: Standard ist heute ein Magen-Bypass oder ein sogenannter Sleeve. Beim Bypass wird der größte Teil des Magens und des Zwölffingerdarms „umgangen“, indem man den restlichen Dünndarm direkt an den kleinen Restmagen annäht. Beim Sleeve wird der Magen verkleinert und daraus ein Schlauch gebildet. Mit beiden Methoden isst man deutlich weniger, fühlt sich viel schneller satt.

Wird dies von der Krankenkasse bezahlt?

TIGGES: Im Einzelfall. Gefährdet das Übergewicht massiv die Gesundheit und schafft man es nicht durch umgestellte Ernährung  abzunehmen, stehen die Chancen dafür sehr gut danach Gewicht zu halten.

So rechnen Sie Ihren BMI aus

BMI = Gewicht/(Größe x Größe) ➝ Beispiel: 75 kg/(1,65 m x 1,65 m) = BMI 27,5

10 Experten-Tipps für das Wunschgewicht

Diese Ideen lassen sich leicht im Alltag umsetzen, um gesund und stetig abzunehmen:

  1. Starten Sie jede Mahlzeit mit einem Glas Wasser – dann essen Sie automatisch weniger.
  2. Bereiten Sie Soßen und Dressings ohne Sahne, Mayonnaise und Remoulade zu. Verwenden Sie wenig Öl und mischen Sie mit Essig oder Zitrone, Senf, Joghurt und frischen Kräutern.
  3. Ersetzen Sie Ihren Nachtisch durch ein Stück dunkle Schokolade. Man gewöhnt sich rasch an den weniger süßen Geschmack und nimmt deutlich weniger Kalorien zu sich als mit Eis oder Süßspeisen.
  4. Portionieren Sie Ihre Mahlzeiten: Essen Sie nichts direkt aus der Tüte, dem Glas oder der Packung, sondern legen Sie die Nahrungsmittel auf einem kleinen Teller zurecht. Räumen Sie Reste sofort an ihren Platz, damit Sie nicht in Nasch-Versuchung geraten. Was auch hilft: Kuchengabeln und -teller sowie Teelöffel zu verwenden. So werden die Portionen automatisch kleiner und Sie essen langsamer.
  5. Bewegen Sie sich so viel Sie können und bei jeder Gelegenheit. Aufzüge und Rolltreppen sind für Sie tabu, ebenso alle Autofahrten unter fünf Minuten. Wenn Sie Ihr Auto unbedingt benötigen, parken Sie mindestens fünf Minuten weit von Ihrem Zielort entfernt.
  6. Trinken Sie keine Kalorien. Ersetzen Sie Bier, Wein, Eistee, Limonaden etc. mit Wasser oder Tee, gern mit einem Schuss Zitrone oder mit frischer Minze.
  7. Unterzuckern Sie sich nicht. Wer den ganzen Tag hungert, schlägt meist beim Abendbrot zu – das frustriert.
  8. Gönnen Sie sich einen Obst-Snack zwischendurch – das verhindert Heißhunger-Attacken und hebt außerdem die Stimmung.
  9. Das Abendbrot sollte maximal ein Viertel Ihres täglichen Kalorienbedarfs decken und im besten Fall Gemüse enthalten. Nehmen Sie es bis spätestens drei Stunden vor dem Zubettgehen zu sich.
  10. Gönnen Sie sich mehr Schlaf. Wer weniger als 7 Stunden schläft, neigt dazu, fehlende Energie durch Schokoriegel gewinnen zu wollen.